Das Gerät ohne Bildschirm: Die Wette von OpenAI und Jony Ive
Im Mai 2025 umarmten sich Sam Altman und Jony Ive in einem Café in North Beach, San Francisco, vor laufender Kamera. Diese Geste, die in einem viral gegangenen Video festgehalten wurde, war mehr als nur eine persönliche Feier. Sie markierte den Beginn einer der gewagtesten Wetten in der jüngeren Technikgeschichte: den Bau eines Geräts, das nach Ansicht seiner Schöpfer die Art und Weise, wie Menschen mit künstlicher Intelligenz interagieren, für immer verändern könnte. Die Übernahme von io Products, dem von Ive gegründeten Hardware-Startup, durch OpenAI hat den Grundstein für das gelegt, was viele als die faszinierendste – und riskanteste – Herausforderung der Branche bezeichnen.
Wer ist Jony Ive und warum seine Rückkehr zählt
Jony Ive ist kein gewöhnlicher Name. Fast drei Jahrzehnte lang war er Chief Design Officer bei Apple, der visuelle Architekt hinter Produkten, die die Welt verändert haben: der farbenfrohe iMac, der iPod, das iPhone, das iPad, die Apple Watch. 2019 verließ er Cupertino mit einem legendären Ruf und gründete LoveFrom, ein Designstudio, das mit Kunden wie Airbnb und Ferrari zusammengearbeitet hat. Doch seine Rückkehr ins Rampenlicht mit OpenAI hat einen ganz anderen Charakter. Es geht nicht darum, ein bestehendes Objekt zu perfektionieren. Es geht darum, ein völlig neues zu erfinden.

Ein Gerät ohne Bildschirm: So soll es funktionieren
Das ist der Kern der vorgeschlagenen Revolution: Das Gerät wird keinen Bildschirm haben. Oder höchstens einen extrem kleinen. Laut durchgesickerten Informationen aus internen Quellen wird das Objekt handtellergroß sein, konzipiert, um in der Tasche getragen oder neben einem MacBook Pro und einem iPhone auf den Schreibtisch gelegt zu werden – aber nicht, um angeschaut zu werden. Die Interaktion erfolgt über Sprache und Umgebungswahrnehmung.

Das Gerät wird "kontextbewusst" sein, also fähig zu verstehen, wer mit ihm spricht, was es umgibt und in welchem Kontext das Gespräch stattfindet. Sam Altman beschrieb es als "das coolste Stück Technologie, das die Welt je gesehen hat", und fügte hinzu, dass es "angenehm" sein werde – ein aktiver Teilnehmer am Leben des Nutzers, aber niemals aufdringlich.
Die Philosophie hinter Ives Entscheidung
Die Philosophie hinter dieser Entscheidung ist tiefgreifend und in gewisser Weise autobiografisch für Ive. Der britische Designer hat mehrfach ein Verantwortungsgefühl für die unbeabsichtigten Folgen des Smartphones geäußert: die Sucht nach Bildschirmen, toxische soziale Medien, die Fragmentierung der Aufmerksamkeit. Sein neues Projekt entsteht aus dem Wunsch, diese "unbeabsichtigten Folgen" zu besitzen und zu korrigieren. Wenn das iPhone eine Tür zu einer Welt ständiger Ablenkungen geöffnet hat, will das OpenAI-Gerät das Gegenmittel sein: ein Objekt, das dem Nutzer die Präsenz in der realen Welt zurückgibt, während es der künstlichen Intelligenz die mechanischen Aufgaben überlässt und den Geist für das befreit, was wirklich zählt.

Verzögerungen, Rechtsstreitigkeiten und Hindernisse auf dem Weg
Doch der Weg zu dieser Zukunft ist alles andere als einfach. Das Projekt hat bereits erhebliche Verzögerungen erlitten. Ursprünglich für Ende 2026 geplant, wurde die Markteinführung des ersten Geräts laut Gerichtsdokumenten, die in einem Gerichtssaal auftauchten, auf Februar 2027 verschoben. Die Klage wegen Markenrechtsverletzung, die von der Startup iyO eingereicht wurde, zwang OpenAI, den Namen "io" für das Produkt aufzugeben – doch die Probleme beschränken sich nicht auf rechtliche Fragen.
